Traumatisierte Patienten/innen

Seit dem Jahr 2000 bieten wir auf den Jugendlichenstationen der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik eine überregionale Behandlungsmöglichkeit für Patienten/innen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Anpassungsstörungen und dissoziativen Störungen nach traumatischen Erfahrungen an.

Was sind Traumata?

Ein Trauma wird als ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlichen oder katastrophalen Ausmaßes angesehen. Dieses Ereignis kann einmalig (wie z. B. bei Verkehrsunfällen) oder aber mehrmalig und über lange Zeit andauernd ( z.B. das Erleben sexueller Gewalt) eingetreten sein. In jedem Fall übersteigt dieses Ereignis die Verarbeitungsfähigkeit der jeweiligen Person, so dass es einen Zustand tiefer Verstörung bei den Betroffenen hervorrufen kann. Ein solches traumatisches Ereignis kann einen akuten oder andauernden Zustand von überflutender Angst, dem Gefühl des Ausgeliefertseins, Ohnmacht  und/oder Depression erzeugen.

Je nach Art des traumatischen Ereignisses entwickelt sich bei bis zu 70 Prozent der Betroffenen in der Folgezeit das Krankheitsbild einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Anpassungsstörung. Dies zeigt sich durch Symptome wie sich plötzlich und unkontrollierbar aufdrängende innere Bilder (flash-backs), Alpträume, Unruhe, Konzentrationsschwäche, körperliche Übererregung (Hyperarrousal), eine allgemeine emotionale Taubheit oder dauerhafte Niedergeschlagenheit. Die Betroffenen können das Gefühl haben, sich zeitweilig wie in einem alten Film dem Ereignis wieder ausgesetzt zu erleben, haben oft den Eindruck, nicht in der Wirklichkeit zu sein, zeigen Vermeidungsverhalten bestimmten auslösenden Reizen gegenüber.
Neben der eingeschränkten Möglichkeit am Alltagsleben teilzunehmen können Angstzustände, Panikattacken, aber auch Essstörungen wie Bulimie und Anorexie die Folgen eines nicht verarbeiteten Traumas darstellen. In diesem Zusammenhang kann auch selbstverletzendes Verhalten, wie z. B. das Ritzen der Arme, als traumabedingte Symptomatik auftreten.

Unsere Behandlungsmöglichkeiten

Im Rahmen unseres strukturierten Therapiesettings für traumatisierte Patienten/innen bieten wir eine für die Verarbeitung der traumatischen Ereignisse notwendige traumazentrierte Psychotherapie im stationären Bereich an, die sich in vier Phasen gliedert:

Beziehungsaufbau, Anamnese, Sicherheit

Zunächst stehen der Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, das Erleben innerer und äußerer Sicherheit und allgemeine Informationserfassung im Vordergrund der Behandlung. Auf der Station stehen hierfür neben den in traumazentrierter Psychotherapie ausgebildeten Therapeuten/innen die spezifisch weitergebildeten Mitarbeiter/innen (Kinderkrankenpfleger, Erzieher/innen, Sozialpädagogen/innen) zur Verfügung.

Stabilisierung

In dieser Phase erlernen die Patienten/innen unter Anleitung, die sie belastenden Erinnerungen durch aktives Verhalten oder Imaginationsübungen allmählich zu bewältigen sowie alternative Verhaltensweisen für ihr problematisches Verhalten wie z. B. Selbstverletzen oder Hungern zu entwickeln. Nur, wenn eine ausreichende Sicherheit und die Fähigkeit zur Selbstberuhigung erreicht ist, können sie den notwendigen Schritt zur Verarbeitung ihrer Erlebnisse tun.

Traumabearbeitung

Die wissenschaftliche Forschung der letzen Jahre zeigt, dass zur Verarbeitung eines Traumas die möglichst schonungsvolle nochmalige Konfrontation mit den innerlich abgespeicherten Erinnerungen des traumatischen Ereignisses unter Anleitung erforderlich ist. Wir nutzen hauptsächlich zwei verschiedene Möglichkeiten der Traumabearbeitung:

 1. Die verhaltenstherapeutisch-kognitiv orientierte sogenannte Screen-Technik ermöglicht das Durcharbeiten belastender Erinnerungen als eine Art innerer Film, den die Betroffenen zusammen mit der/dem Therapeuten/in betrachten Hierbei werden ihnen die mit dem Ereignis verbundenen Gefühle noch einmal bewusst und können allmählich verarbeitet werden.

2. Die Traumabearbeitung mit EMDR (Eyemovement Desensitization and Reprocessing) ist eine schonungsvolle Form der Traumabearbeitung mit Hilfe bilateraler Reize wie z. B. Augenbewegungen von links nach rechts und umgekehrt bei gleichzeitiger Vorstellung des belastenden Ereignisses. Diese in den USA entwickelte Methode hat sich in den letzten Jahren als effektive Technik der Traumverarbeitung und als Hilfe bei anderen Störungsbildern wie z. B. Essstörungen erwiesen.

Meistens sind mehrere Sitzungen der Konfrontation mit dem Trauma notwendig, damit eine ausreichend entlastende Wirkung erreicht wird.

Integration und Trauerarbeit

Die vierte Phase der stationären Therapie dient der Verarbeitung der mit dem Trauma verbundenen Gefühle des Verlustes, der Trauer und der Integration in das Alltagsleben. Wenn die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung abgeklungen sind, wird die „Rückkehr ins Leben" konkret geplant und umgesetzt. In dieser Phase können neue Konfliktlösungsmöglichkeiten geübt, die Anbahnung der Entlassung und der Abschied aus der stationären Behandlung können bearbeitet werden.

Fragen und Antworten

Die Traumatherapie wird soweit wie möglich unter enger Einbeziehung der Eltern der Kinder und Jugendlichen durchgeführt. Oft zeigt sich eine vorliegende Traumatisierung der ganzen Familie durch das Ereignis oder durch die Folgen des Ereignisses. Der stationäre Aufenthalt  kann bis zu drei Monate, in Ausnahmefällen auch länger dauern. Oft ist eine Intervallbehandlung (wie z. B. erst Stabilisierung, dann Entlassung zur Wiedereinstellung auf den Alltag, dann Wiederaufnahme) zur Traumaexposition empfehlenswert.

Für weitere ausführlichere Informationen stehen Ihnen die telefonische Auskunft der Institutsambulanz unter der Rufnummer 0511/8115-5541 oder per e-mail die Leitende Psychologin Dipl.-Psych. Camilla Höcker unter hoecker(at)hka.de zur Verfügung.